Tool-Test: disavowfiles.com – Erleichterung im Disavow-Dschungel?

SEO-Tools, die den Arbeitsalltag des Agentur- oder Inhouse SEOs erleichtern, gibt es zahlreiche. Viele Themengebiete werden hierbei bereits abgedeckt: Kleine oder große Helfer für OnPage-Optimierungen, Crawlingtools, Research-Suiten und so weiter. Doch seitdem im April 2012 der Pinguin „entfesselt wurde“ und spätestens nach der Einführung des Disavow-Tools zur Entwertung schädlicher Links (lest hier unsere ultimative Anleitung zum Disavow-Tool), eröffnete sich ein ganz neuer Bedarf an unterstützenden Tools. Wir haben das Tool disavowfiles.com getestet, welches eine qualitative Bewertung von Domains oder URLs innerhalb des Risikomanagements anhand einer großen Datengrundlage verschiedener Disavow-Files verspricht.

Können Disavow-Files sinnvoll verwaltet werden und gibt es sogar Learnings, die man aus den verschiedensten Daten ziehen kann?

Viele Agenturen, die im Rahmen ihres Leistungsangebots auch das Off-Page Risikomanagement anbieten, kennen das Problem: Ein Kunde tritt an die Agentur heran und wünscht ein Backlink-Audit, sei es nun proaktiv oder in Folge von Einschlägen in Form von „blauen Briefen“ und Abstrafungen seitens Google. Für eine komplette und gründliche Untersuchung des Kundenlinkprofils ist eine möglichst breite Daten- und Informationsgrundlage unerlässlich. Das Aggregieren von Backlinkdaten aus diversen Tools und der Google Search Console ist dabei nur die eine Seite der Medaille. Ebenso muss der Überblick behalten werden, wenn viele Kundenprojekte auch das Vorliegen von zahlreichen Disavow-Files notwendig machen.

Weitere Fragestellungen hierbei sind oft:

  • „Gibt es bereits ein Disavow-File?“
  • „Wer besitzt das Disavow-File? Liegt es beim Kunden oder ist es bei der betreuenden Agentur?“
  • „Das Disavow-File ist nicht mehr auffindbar, was nun?“
  • „Welche Version ist die aktuellste?“
  • „Befindet sich meine Domain in anderen Disavow-Files?“

Um als Agentur im Risikomanagement Prozesse optimieren zu können, gibt es nun eine vermeintliche Lösung: disavowfiles.com (von Bruce Clay, Inc.). Dieses Tool bietet mit einem Crowd-basierten Ansatz die Möglichkeit, diverse Disavow-Files von Eigen- und Kunden-Properties zu verwalten und stellt eine Art kollektives „Disavow-Gedächtnis“ dar. Das bedeutet, dass zu analysierende Domains vorher mit den Disavow-Uploads anderer Nutzer abgeglichen werden können und mit in die eigene Entscheidungsfindung einbezogen werden. Aktuell befindet sich das Tool in einer Free-for-all-Phase und kann kostenlos getestet werden. Mögliche Premiumfeatures sollen in Zukunft kostenpflichtig sein.

Wie funktioniert das Tool?

Zuerst muss eine Domain angelegt werden, hierfür bietet das Tool zwei Möglichkeiten zur Verifizierung an. So ist es ist möglich, über den Upload einer HTML-Datei im Root-Verzeichnis die Eigentümerschaft zu bestätigen. Alternativ kann die Domain auch über ein Meta-Tag im Head-Bereich der Webseite bestätigt werden.

Ist die Seite bestätigt, kann das dazugehörige Disavow-File hochgeladen werden. Anschließend werden über die Majestic-API Backlinkdaten zur entsprechenden Domain gesammelt und alle Domains werden in einer Übersicht dargestellt:


Klickt man auf eine entsprechende Domain, werden zusammenfassend sowohl Status des Disavow-Files als auch entsprechende Backlinkdaten angezeigt:


Hierbei fällt jedoch auf, dass Abweichungen in den Backlinkdaten vorliegen. Im vorliegenden Tool werden weitaus weniger Backlinks angezeigt, als bei Majestic selbst (siehe Majestic Screenshot), obwohl hier seitens der Toolbetreiber eine API-Anbindung vorliegt. Ob hierbei ein Toolfehler vorliegt, kann nicht ganz ausgeschlossen werden.

Kommen wir nun zu den Kern-Features, welche besonders interessant für das Risikomanagement sind:

Domain Lookup


Ein nützliches Feature, um sich ad-hoc Informationen über eine spezielle Domain im Rahmen einer Off-Page-Risikoanalyse einzuholen, bietet das Domain Lookup Modul, welches einen Gesamtüberblick über die Backlinkdaten für jegliche Domains sowie einen Disavow-Status ausgibt. Um an diese Daten zu gelangen, wird die abgefragte Domain mit der Datenbasis der entwerteten Links verglichen und mit den bekannten Informationen und Metriken aus Majestic angereichert. Wichtig ist hierbei, die Domains immer vollständig mit vorangestelltem Protokoll einzugeben. Anschließend bekommt man die Information, in wieviel anderen anonym übermittelten Disavow-Files die Domain vorkommt. Anhand dessen lässt sich insbesondere bei fragwürdigen Domains ein Trend erkennen: Ist eine Domain sehr oft disavowed, so ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass es sich wirklich um eine qualitativ minderwertige und schädliche Backlinkquelle handelt. Natürlich ist diese Information nur ein Teil im Backlinkanalyseprozess, dem stets ein manueller Review der betreffenden Domains vorausgehen sollte.

Disavow Frequency


Die Disavow-Frequenz gibt Auskunft darüber, wie oft Domains/URLs aus meinem Disavow-File von anderen Nutzern mittels ihrer hochgeladenen Disavow-Files entwertet wurden. Im Rahmen einer Analyse eines bereits bestehenden Disavow-Files (z.B. nach Übernahme eines Kundenprojektes) eröffnet dies die Möglichkeit, das File einer generellen Qualitätsprüfung zu unterziehen. Dies kann notwendig sein, wenn in der Vergangenheit zu oberflächig Linkentwertung betrieben wurde und möglicherweise potentiell gute Linkquellen entwertet wurden. Andererseits, wenn auch selten, können seinerzeit schädliche Links heute nicht mehr toxisch sein. Sind Domains aus meinem eigenen Disavow-File selten bis gar nicht von anderen Nutzern entwertet worden, liegen dort Ansätze, um bestimmte Teile des Files einer erneuten Prüfung zu unterziehen. Natürlich steht und fällt diese Funktion auch mit der Anzahl der übermittelten Files, um eine möglichst breite Datengrundlage zu haben, die laut Betreiber aktuell bei ca. 16 Millionen übermittelten URLs liegt. Ebenso ergaben Stichproben, dass besonders für deutsche Projekte die Datengrundlage noch relativ dünn ist. Von deutschen Domains entwertete Backlinkquellen sind im Tool noch rar gesät, was jedoch in der Herkunft des Toolanbieters und der noch relativ wenig verbreiteten Nutzung hierzulande begründet liegen könnte.

Disavowed Pages


Um die Qualität der eigenen Seite einschätzen zu können und um herauszufinden, ob die eigene Domain oder spezielle URLs von anderen Nutzern disavowed wurden, bietet das Tool ebenso eine Übersicht an. Wurden von andern Nutzern (anonym) Disavow-Files hochgeladen, welche URLs ihrer Seite enthalten, werden diese hier aufgeführt. Gleichzeitig bekommt man vom Tool eine Alert-Benachrichtigung, sobald dies geschieht. Aufgrund der anonymisierten Nutzerdaten wird hierbei jedoch natürlich keine Information darüber gegeben, welche Domains meine Seite hier disavowed haben. Für ein proaktives Eigenmonitoring in Ergänzung zu Rankingveränderungen und Sichtbarkeitsverlusten, insbesondere auf URL-Ebene, stellt dies einen interessanten Ansatz dar.

Disavowed Backlinks


Eine weitere nützliche Funktion bietet das Backlinkmodul, in dem ausgewiesen wird, welche meiner Domainbacklinks (Daten stammen wie bereits erwähnt aus Majestic) bereits von anderen Nutzern des Tools mit ihren Disavow-Files hochgeladen wurden. Hierbei ist ebenso ersichtlich, wie oft diese disavowed wurden und ob die Entwertung auf Domain- oder URL-Ebene stattgefunden hat. Auch hier gibt es wieder eine Benachrichtigung sobald Backlinks aus meinem Backlinkportfolio disavowed wurden. Auch wenn durch die Majestic API nur ein gewisser Ausschnitt des eigenen Backlinkprofils vorliegt, sind diese Informationen nützlich, um sie bei einem Backlink-Audit mit in die Analyse der eigenen Backlinks einzubeziehen. Für die Zukunft wäre hier auch eine Uploadfunktion für Backlinks wünschenswert, um die Datengrundlage diesbezüglich z.B. durch eigene Backlinkdaten aus der Search Console zu vergrößern. Wie bereits bei den anderen Modulen erwähnt, sollte auch hier nicht blind auf die Einschätzung der anderen Nutzer vertraut werden, ein manueller Review der betroffenen Links ist trotzdem anzuraten.

Fazit

Obwohl Googles Disavow-Tool seit mehr als 3 Jahren verfügbar ist, sind Anbieter für das Disavow-Management – abgesehen von internen Agenturlösungen – bisher noch rar gesät. Demzufolge bietet das Tool bereits nützliche Ansätze für Funktionalitäten, die durch Crowd-basierte Lösungen wichtige Impulse für das eigene oder kundenorientierte Risikomanagement bieten können. Funktionen wie das Monitoring eigener URLs in Bezug auf das Vorkommen in anderen Files sind auf jeden Fall sinnvoll und werden von größeren Toolanbietern weitestgehend als Feature noch nicht angeboten.

Einige Fragen bleiben jedoch noch offen:

  • Nur mit einer möglichst breiten Datengrundlage sind valide Ableitungen möglich. Wie entwickelt sich die Datengrundlage in der Zukunft?
  • Aktuell ist das Monitoring sehr USA-lastig, Domains aus dem europäischen Raum lassen sich aufgrund der Disavow-Datenbank aktuell weniger präzise bewerten. Wird es auch hier eine breitere, internationale Datengrundlage geben?
  • Wird es später die Möglichkeit geben, mit eigenen Backlinkdaten den Pool an zu überwachenden Backlinks zu vergrößern?
  • Werden etwaige Ungenauigkeiten bezüglich der Backlinks bei der Anbindung an die Majestic-API behoben?

Abschließend muss darauf hingewiesen werden, dass es sich bei dem Betreiber des Tools um die Agentur Bruce Clay, Inc. handelt. Wer dieses Tool also nutzt, sollte bedenken, wohin er seinen „Disavow Datenschatz“ übermittelt und für sich selbst entscheiden, ob er das möchte oder nicht.

Es bleibt definitiv spannend zu beobachten, in welche Richtung sich das Tool entwickeln wird und ob es eines Tages zum Standard-Toolkit eines jeden SEOs gehören wird.

Author bio:

Stefan Radtke ist SEO Consultant bei der Peak Ace AG und erarbeitet zusammen mit seinen Kollegen strategische und technische Maßnahmen im Bereich der Suchmaschinenoptimierung. Zuvor arbeitete er u.a. bei eDarling und Toptarif als Inhouse SEO. Sein Ziel ist es, den Kunden tatkräftig zur Seite stehen...

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